Knoche Consulting | Dr. Frank Knoche | Krankenversicherung
Der 2,7 Milliarden Dollar Oscar

Eine unkomplizierte Krankenversicherung, die modernste Plattformtechnologien (inklusive angeschlossener Krankenhäuser und Ärzte), nutzerorientiertes Design und Big Data für eine menschlichere Gesundheitsversorgung verbindet, wurde in den USA unter dem Namen Oscar gegründet. Oscar ist aktuell in vier amerikanischen Bundesstaaten aktiv. Der Ansatz fasziniert die Investoren: Oscar hat bisher mehr als 700 Millionen Dollar Risikokapital eingeworben und wird aktuell mit 2,7 Milliarden Dollar bewertet.

 

Bismarck reloaded

Auch in Deutschland fasziniert dieser Ansatz: Otto von Bismarck, der die Krankenversicherung in Deutschland ins Leben gerufen hat, ist Namenspate für ottonova. Der deutsche “Bruder” von Oscar wurde Ende 2015 gegründet und möchte eine “rein digitale bessere private Krankenversicherung” sein. Der Markteintritt von ottonova soll 2017 erfolgen (Quelle: Website ottonova). Als erster Investor ist Holtzbrinck Ventures bekannt, der einen zweistelligen Millionenbetrag investiert haben soll. Als weiterer Investor wurde die durch Staubsauger und Küchenmixgeräte bekannte Unternehmensgruppe Vorwerk gewonnen.

 

 

Ein lohnendes Geschäftsmodell für die Investoren?

ottonova möchte private Voll- und Zusatzversicherungen ausschließlich online anbieten, dabei aber kein “Billigheimer” sein. Kann ein derartiges Geschäftsmodell überhaupt profitabel umgesetzt werden?

 

Reality-Check: Private Vollversicherung

120.000 Personen wechseln pro Jahr von der gesetzlichen Krankenversicherung in die private Kranken-Vollversicherung (PKV). Zusätzlich gibt es marginale Wechsel innerhalb der PKV. Nehmen wir vereinfacht an, dass die maximal adressierbare Zielgruppe für ottonova 150.000 Personen pro Jahr beträgt – die reale Zahl dürfte weit darunter liegen. Nehmen wir weiter an, dass sich ein Drittel dieser Gesamtzielgruppe, also 50.000 Personen pro Jahr, für eine Vollversicherung bei ottonova entscheidet, dann hätte ottonova nach drei Jahren ca. 150.000 Kunden in der Krankenvollversicherung.

Der amerikanische “Bruder” Oscar hat aktuell ca. 135.000 Kunden. Oscar war seit seiner Gründung in keinem Quartal profitabel, selbst dann wenn man den Prämieneinnahmen nur die Kosten für medizinische Behandlungen gegenüberstellt und sämtliche eigene Personal- und Sachkosten herausrechnet. Oscar hat mittlerweile reagiert und zur Kostenreduktion beispielsweise das angeschlossene Ärztenetzwerk von 40.000 Ärzte auf 20.000 Ärzte reduziert.

Die PKV in Deutschland ist noch schwerer skalierbar als der US-Krankenversicherungsmarkt.

Wie will ottonova in absehbarer Zukunft in Deutschland im Bereich der privaten Vollversicherung profitabel werden? Dies erscheint nahezu ausgeschlossen.

 

Reality-Check: Private Zusatzversicherung

In Deutschland gibt es aktuell rund 25 Millionen private Zusatzversicherungen; darunter allein rund 15 Millionen Zahnzusatzversicherungen. ottonova will auch auf dem gesättigten Markt der privaten Zusatzversicherungen aktiv werden, hier aber Maklern keine Provision zahlen, sondern “allenfalls eine ‘Fee’ “.

Sogar Insurtechs wie flypper gehen realistischerweise davon aus, dass sich bis zum Erreichen einer kritischen Masse der Einsatz von Maklern nicht vermeiden lässt.

Aus welchen anderen Kanälen könnte ottonova Wachstum generieren?

Private Versicherungen bieten dem eigenen Kundenbestand Zusatzversicherungen auch außerhalb des Maklerkanals über Cross-Selling-Maßnahmen oder über Kooperationen mit gesetzlichen Krankenkassen an. Mangels eigener Kunden scheidet diese Variante für ottonova aus.

Daneben bedienen private Versicherungen alle Direktversicherungskanäle inklusive Social Media – teilweise mit immensen Budgets. Ein prominentes Beispiel ist die Zahnzusatzversicherung der Ergo Direkt. Dieser Weg wäre für ottonova vermutlich über die Holtzbrinck-Medien möglich.

Die in Großbritannien boomenden rückwirkenden Versicherungen (ATE = “After The Event Insurance”) scheiden für ottonova aus. Hier sind nicht unerhebliche finanzielle Rücklagen erforderlich, die eingegangene Risiken – auch bei teilweisem Zahlungsausfall der Versicherungsprämie – abdecken können.

Wie kann ottonova im Bereich der Zusatzversicherung in Zukunft zu nennenswertem Geschäft kommen? Hinsichtlich der Zielerreichung erscheint der aktuelle Geschäftsansatz zumindest fraglich.

 

 

Get bought or go bust

Krankenversicherungen sind regulatorischen Risiken unterworfen, die mitunter schwer kalkulierbar sind und sich existenziell auf den Geschäftsbetrieb auswirken können. Dies bekommt aktuell Oscar in den USA zu spüren. Ähnliches könnte ottonova nach der nächsten Bundestagswahl – je nach Koalition – mit der Bürgerversicherung drohen. Dies könnte dem Geschäftszweig “Private Vollversicherung” ein jähes Ende setzen.

Bei regulatorischen Änderungen verlieren Investoren häufig die Lust an ihrem Investment. Einer der Oscar-Investoren liebäugelt aktuell mit der Investition in ein Baseball-Team. Dies könnte bei Oscar zum bereits 2015 prophezeiten “Get bought or go bust“-Szenario führen. Ein ähnliches Szenario ist auch für ottonova grundsätzlich nicht auszuschließen.

 

 

Die digitale Krankenversicherung – eine Utopie?

Die Vision von Oscar und auch von ottonova nachhaltig umzusetzen, wäre ein Fortschritt für das Gesundheitswesen. Hierzu benötigt man eine “kritische Masse” von Versicherten und eine entsprechende Marktmacht gegenüber den Erbringern von Gesundheitsleistungen. Nur dann kann die Vision eines Managed Care-Ansatzes mit Hilfe einer integrierten digitalen Plattform als Win-Win-Win-Situation (für Versicherte, Leistungserbringer und Versicherungsunternehmen) Wirklichkeit werden.

Die “kritische Masse” hierfür besitzen sowohl die größten privaten Krankenversicherer (PKV) als auch die großen gesetzlichen Krankenversicherungen (GKV).

Eine PKV könnte einen neuen “digitalen Vollversicherungstarif” ins Leben rufen und aus ihrem Bestand heraus durch Tarifwechsel eine stabile Versichertenbasis für diesen neuen Tarif schaffen.

Eine GKV könnte dem Wettbewerbsinstrument der Wahltarife neues Leben einhauchen, einen “digitalen Wahltarif” implementieren und insbesondere jüngere Versicherte zum Wechsel in diesen Wahltarif motivieren.

Vielleicht arbeiten PKV und GKV bereits an derartigen Ideen? Oder sie investieren in ottonova? Die Zukunft wird es zeigen.

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.